Social Entrepreneurship in Micani

UNPROCOM lautet letztlich der Name, auf den sich die sieben Firmengründer geeinigt haben: UNidad de PROducción COMunitaria (Dorfproduktionsstätte). Ein typisch bolivianischer Unternehmensname – pragmatisch, schnörkellos. Hinter der UNPROCOM steckt jedoch eine ganz beeindruckende Geschichte: In einem Distrikt, wo die Einwohner bislang ausschließlich von den Erträgen der eigenen Landwirtschaft leben, ist sie der erste Handwerksbetrieb, ja sogar das erste Unternehmen, wenn man von den kleinen „Tante Emma“-Läden absieht, mit denen die Frauen im Hauptort Micani das Familieneinkommen aufstocken.

Die Geschichte der UNPROCOM begann im November bei einem Workshop mit den 23 LokalexpertInnen, jenen Frauen und Männern, die sich dazu bereiterklärt haben den Wandel in ihren jeweiligen Heimatdörfern voranzutreiben. Zum Ende des Workshops stellten wir ihnen in etwas diese Frage:

„In 1-2 Jahren werdet ihr auf eure Arbeit zurückschauen können und sehen was ihr bewirkt habt – eine bessere Gesundheit der Familien durch rauchfreie Kochstellen, Trenntoiletten, Solarlampen, Wasseraufbereitung und Hygiene. Was kommt dann?“

Es brauchte nicht lange bis die ersten Teilnehmenden begannen der Gruppe ihre Ideen mitzuteilen. Man wolle die Dörfer elektrifizieren, andere wiederum wünschten sich funktionierende Wasser- und Abwassernetze für die Haushalte der Gemeinden. Einer sagte: „Bringt uns bei, die Kaminrohre [der Kochstellen] selbst zu schweißen.“ und erhielt von den restlichen Anwesenden zustimmende Kommentare. Eine Metallwerkstatt in Micani wäre in vielen Lebensbereichen sinnvoll. Fenster und Türen könnten hergestellt werden, die Werkzeuge der Bauern müssen immer wieder repariert werden und es müssen eben Ersatzteile für manche thermisch hoch belasteten Komponenten der bereits verbreiteten Kochstellen gefertigt werden.

Im Vordergrund: Alberto, Cancio und Nelson – Mitbegründer des kleinen Unternehmens

Die lokale Fertigung von Ersatzteilen ist in unseren Augen ein Schlüsselelement darin, das Kochstellenprojekt Micani sin Humo langfristig nachhaltig zu gestalten. Bisher erfolgte die Fertigung von Ersatzteilen in den Lehrwerkstätten des Instituto Tecnológico Sayarinapaj, jener Berufsschule in der Großstadt Cochabamba, mit der wir bereits seit dem Beginn unseres Projektes zusammenarbeiten. Doch der Materialtransport der sperrigen Kaminrohre ist teuer und die Koordination mit der entfernten Berufsschule gestaltet sich für die lokalen Akteure in Micani als schwierig.

Für uns lautet daher die zentrale Frage: Wie können wir den Aufbau einer solchen Werkstatt unterstützen, jedoch auf eine Art und Weise, dass das junge Unternehmen selbstbestimmt und selbstorganisiert bleibt? Um der Antwort näher zu kommen, ändern wir die Fragestellung und fragen zunächst: Warum existiert bislang noch kein einziger handwerklicher Betrieb in der Region? An den möglichen Produkten, den Kunden und der Bereitschaft zu zahlen könne es nicht liegen. Da sind sich alle einig, mit denen wir uns über die Idee unterhalten haben. Vielmehr meinen wir zwei ganz wesentliche Gründe erkennen zu können: das fehlende Kapital und die fehlende Ausbildung der Menschen in Micani.

Um den Stein ins Rollen zu bringen setzen wir zunächst bei der Ausbildung an. Im Rahmen eines dreitägigen Workshops lernen die LokalexpertInnen grundlegende Schweißtechniken. Noch hat das mehr den Charakter eines Schnupperkurses. Zum Ende des Kurses bieten wir den Teilnehmenden an, dass wir bei der anfänglichen Finanzierung der Werkstatt mit einem Darlehen unterstützen werden, vorausgesetzt es findet sich eine Gruppe und ein Geschäftsmodell.

 

Nicht nur Kaminrohre müssen gefertigt werden. Auch die thermisch hoch belasteten Brennstoffroste werden alle 1-2 Jahre ausgetauscht.

In den folgenden Tagen kommen dann Nelson, Cancio, José, Porfidio, die beiden Zenons und Benito auf uns zu. Sie wollen das kleine Unternehmen gründen. Mit einfachen grafischen Methoden helfen wir ihnen dabei ihren Businessplan auszuarbeiten. Welche Produkte und Dienstleistungen werden in der Region nachgefragt? Wann herrscht diese Nachfrage – ständig, zyklisch oder nur einmal? Wie wollen die sieben sich untereinander organisieren? Diese und weitere Fragen wollen vorab geklärt werden. Zum Ende der Workshoptage steht nicht nur der Unternehmensname, sondern auch das Geschäftsmodell. Man beginnt gleich damit, den ersten Auftrag abzuarbeiten: Fünfzig Kaminrohre müssen für den Bau rauchfreier Kochstellen in zwei weiteren Gemeinden Micanis gebogen und geschweißt werden.

Noch steht eine weitere Frage im Raum: Wo soll sich das kleine Unternehmen hin entwickeln? Auf kurze Sicht ist diese Frage nun beantwortet. In den nächsten Wochen werden die sieben Inhaber bei unserem Partner dem Instituto Tecnológico Sayarinapaj in der Metallbearbeitung weiter ausgebildet. Dann soll die Fertigung von weiteren Produkten wie der Reparatur von Pflügen und anderen Werkzeugen der Bauern und die Herstellung von Fenstern und Türen in den Vordergrund rücken. Wir wollen die Werkstatt gemeinsam mit unserem Partner, der Lokalregierung der Provinz San Pedro de Buenavista, auch längerfristig beobachten und begleiten. In sozialunternehmerischen Ansätzen, wie denen hinter der UNPROCOM, sehen wir nämlich ein großes Potenzial diejenigen Ansätze, die sich im Kleinen als erfolgreich erweisen, langfristig und flächendeckend allen Menschen der Region zugänglich zu machen. Ein Beispiel hierfür ist das von BerufschülerInnen des Instituto Tecnológico Sayarinapaj entwickelte Agrarprojekt, das es den Familien der Region erlauben könnte auch in der Trockenzeit lebenswichtiges Gemüse anzubauen. Der Machbarkeitsbeweis wird gerade im Rahmen eines Pilotprojekts an drei Dorfschulen Micanis erbracht. Verbreiten muss sich die Technologie dann aber eigenständig, denn auf lange Sicht wirkungsvoll wird die Lösung erst dann, wenn sie auch wirtschaftlich nachhaltig ist.

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