Keine Angst vor dem Wetter: Ernährungssicherheit in Zeiten des Klimawandels

Keine Angst vor dem Wetter - Ernährungssicherheit in Zeiten des Klimawandels

 

Der Klimawandel entfaltet seine Auswirkungen, die Temperaturen steigen, vermehrt treten gefährliche Dürren und Starkregen auf. Die Wissenschaft sieht den Grund für die klimatischen Veränderungen in dem gestiegenen CO2-Ausstoß seit der Industriellen Revolution. Verschuldet wird der erhöhte CO2-Gehalt vor allem durch unseren Lebensstil und die Verbrennungsprozesse in hochentwickelten Ländern - die Folgen werden allerdings an anderer Stelle spürbar. Zwar führt die Hitzewelle auch in Deutschland zu einer Dürre und Ernteausfällen, unser Wohlstand, unsere Infrastruktur und globale Vernetzung können die Auswirkungen jedoch weitestgehend abfangen. Anders sieht es in Entwicklungsländern aus, in denen ein großer Prozentsatz der Bevölkerung alternativlos auf die lokale Landwirtschaft angewiesen ist.

In Bolivien sind 33% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, darunter viele Kleinbauern, die Subsistenzwirtschaft betreiben. Ihr Leben ist direkt von den Ernten und somit vom Klima abhängig. Die viermonatige Regenzeit ist heute drei Wochen kürzer als noch vor 30 Jahren, auch ihr zeitlicher Beginn weicht vom gewohnten Zeitpunkt ab, Bauern müssen für ihre Aussaat wochenlang auf Regen warten. Für diese Bauern bedeutet das nicht bloß monetäre Einbußen, sondern Notstand. 2014/2015 verursachten Überflutungen im Bundesland Beni Ernteausfälle von 35-72%, 2017 führte Wasserknappheit zu Notständen in Großstädten und der Rationierung der Wasserbestände.

Abhilfe sollte beispielsweise das Misicuni Projekt schaffen und so entstand von 2009 bis 2017 der größte Staudamm Boliviens, um die Trinkwasserversorgung und Ernährungssicherheit in der Großstadt zu gewährleisten, die Fischerei und Landwirtschaft zu stärken und Energie zu erzeugen. Das Projekt ist aufgrund der Verteilung und Rationierung des Wassers allerdings umstritten.

Verheerend sind klimatische Veränderungen besonders für die Bolivianer in den ländlichen Regionen des Landes, die trotz Landflucht noch ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Sie leben meist in kleinen indigenen Gemeindeverbänden aus 20 bis 40 Familien. Micani, der statistisch ärmste Distrikt des Landes, besteht aus 19 Gemeinden, die überwiegend von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten sind. Auch die Ernährungssituation ist prekär, denn die Trockenzeit erschwert die Konservierung und Lagerung von Lebensmitteln. Die Dorfbewohner sehen sich dazu gezwungen, sich über Monate hinweg ausschließlich von Mais zu ernähren. 35% der Kinder sind chronisch mangelernährt, doch fehlt es ihnen nicht an Kalorien, sondern an Proteinen und Nährstoffen.

Gemeinsam mit unseren lokalen Partnern in Micani arbeiten wir daran, die Gesundheitssituation der Bewohner Micanis zu verbessern. Wir entwickeln holzsparende und rauchfreie Kochstellen, die die gewohnten, offenen Kochstellen ersetzen, die die Bewohner alltäglich gesundheitsschädlichem Rauch aussetzten.  Neben dem Gesundheitsaspekt ist auch der sparsame Umgang mit der Ressource Holz von Bedeutung, denn die voranschreitende Entwaldung führt schon heute zu Veränderungen des Mikroklimas und einer verstärkter Erosion. Aufgrund persönlicher Beobachtungen während der Dürre im November 2017, entschieden wir uns dazu, uns umfassender mit der Thematik der Ernährungssicherung zu befassen, welches wir mit den Kochstellen bisher nur indirekt tangierten. Das Problem wollten wir von da an im Rahmen unseres Gesundheitsansatzes direkt angehen.

Grundlegend ist für uns, die lokale Bevölkerung über alle Projektphasen hinweg zu beteiligen, sodass wir Probleme, Wünsche und Hoffnungen gemeinsam analysieren und angehen: Wir konfrontierten eine Gruppe bolivianischer SchülerInnen einer Landwirtschaftsschule mit der lokalen Problemstellung. Daraufhin arbeiteten sie gemeinsam mit ihrem Lehrer und zwei ehrenamtlichen Studenten unseres Teams ein Lösungskonzept für die Dörfer Micanis aus. Sie testeten Prototypen von wassersparenden Bewässerungsanlagen und implementierten das Konzept schließlich als Pilotprojekt an drei Dorfschulen: Angepasst auf die extremen klimatischen Anforderungen sollten die neuen Gärten Micanis mit regengespeisten saisonalen Wasserspeichern und effizienter Tropfschlauchbewässerung, mit der regional typischen Fruchtwechselwirtschaft und Verbundwirtschaft von Obst- und Gemüsepflanzen eine gesunde Lebensmittelvielfalt schaffen. Für die Umsetzung einer ausgewogenen Ernährung auf lange Sicht wurden die DorfbewohnerInnen und Schulköchinnen in den neuen Anbautechniken und gesunder Ernährung geschult.

Einhergehend mit den Kochstellen- und Gartenprojekten werden auch Trinkwasser- und Hygienefragen angegangen. Zu diesem Zweck ist es wichtig, ein Bewusstsein für Gesundheitsthemen zu schaffen, denn nur wer den Sinn der Maßnahmen versteht, wird sie annehmen. Als Pilotprojekt zur Erprobung neuer Ansätze eignet sich die Arbeit mit den Berufsschülern hervorragend, doch um die gesundheitliche Situation in den Dörfern nachhaltig zu verbessern, muss das Wissen langfristig für alle Dorfbewohner erreichbar gemacht werden. Daher bildeten wir einzelne Dorfbewohner zu Experten aus und versorgten sie mit Werkzeugen und Materialien, um selbstständig Maßnahmen umzusetzen. Sie selbst nennen sich auf Quechua Yachaqkuna: diejenigen, die Bescheid wissen. Dank ihres Einsatzes konnten bereits fast alle Familien Micanis mit eigenen rauchfreien Kochstellen ausgestattet werden und auch der Trenntoilettenbau und die Verbreitung von Wasserfiltern geht voran. Gemeinsam mit den Yachaqkuna haben wir mittlerweile ein kleines Handwerksunternehmen gegründet, um notwendige Materialen wie Kaminrohre und andere Metallteile vorort fertigen zu können und dadurch langfristig erfolgreiche Konzepte auch finanziell selbsttragend verbreiten zu können.

Mit dem Ziel, allen Familien und Schulkindern ein gesundes Leben zu ermöglichen, haben wir in Kooperation mit unserem bolivianischen Partner Anfang dieses Jahres „Aktion Sodis“ gegründet. Wir wollen die Verbindung zu unseren lokalen Partnern weiter stärken und langfristige Zusagen machen können. Micani soll nur der Anfang für eine flächendeckende, nachhaltige Verbesserung der Gesundheitssituation im ländlichen Bolivien sein. Wir sind überzeugt, dass wir dieses Ziel erreichen können, wenn viele mit anpacken und wir den Weg gemeinsam gehen.

Angehende LandwirtInnen der Berufsschule Instituto Tecnológico Sayarinapaj lehren im Rahmen des Projekts "Bildung bleibt" den Bewohnern dreier Gemeinden den Bau Wasser sparender Tropfschlauchbewässerungssysteme.

Auch Ernährungsschulungen mit den Schulköchinnen und den SchülerInnen der Dorfschulen bilden teil des ganzheitlichen Konzepts.

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