Was passiert nach dem Regen?

Was passiert nach dem Regen?

Vieles ist zu tun, vieles wird angegangen – doch dann kommt der Regen. Theresa Rinnert, Lehramtsstudentin an der RWTH Aachen, begleitet unser Projekt derzeit als Ausreisende in Bolivien und erfährt dort erstmals am eigenen Leib, welche Herausforderungen die Regenzeit mit sich bringt:

Ich schrie meine Schüler an. Sie hörten mir aufmerksam zu. Das konnte ich in ihren konzentrierten Gesichtern deutlich erkennen. Doch vergeblich, der Regen war zu laut. Meine Stimme kam nicht gegen die schweren Tropfen an, die gegen die Scheiben hämmerten. „BUENOOO…“, gab ich leicht verzweifelt, leicht belustigt auf. Wir würden eine Pause machen, bis der Regenschauer vorbei sei, kündigte ich an. Aber selbst das verstand man unter dem Donner und Rauschen nicht. Erst als ich mich auf den Stuhl fallen ließ, verstand die Klasse, dass der zu gebende PRA*-Workshop kurz pausieren sollte.

Verrückt, dachte ich bei mir. Ich war mir absolut sicher, dass in meinem Studium niemals erwähnt worden war, dass man tatsächlich manchmal wegen Regens nicht weiter unterrichten kann. Natürlich, in Deutschland gibt es schlicht keine Regenzeit. Aber selbst hier in Bolivien hatte ich nicht damit gerechnet – zumindest nicht während meiner Ausreise. In diesem Jahr wurden wir alle vom frühen Einbruch des Regens kalt erwischt. Nicht nur mein PRA-Workshop am Instituto Tecnológico Charcas (kurz ITC) mit den Schülern aus dem Mechanik- und Bauingenieursstudiengang wurde dadurch eingeschränkt, auch die Schulküchenbauten und Erkundungsreise vom Instituto Tecnológico Sayarinpaj mussten auf Grund des angestiegenen Flusses mehrfach verschoben werden.

Endlich ließ der Regen nach. Mein Blick schweifte durch den Klassenraum und über das Ziffernblatt meiner Armbanduhr. Es wurde Zeit, wir konnten nicht noch länger warten.

In den folgenden sieben Tagen kam der Kurs noch insgesamt über 9 Stunden zusammen. Ziel war es, den etwa 30 SchülerInnen die sogenannten PRA-Methoden näher zu bringen und sie dann gemeinsam im Feld – das bedeutet in diesem Fall auf die eigene Schule – anzuwenden. Die dadurch sichtbar gemachten technischen Mängel und  Bedürfnisse der Schule würden als Basis für einen neuen Kurs dienen, in dem auf eines dieser Bedürfnisse reagiert, eine entsprechende Technologie entwickelt und schließlich im nächsten Frühjahr implementiert werden soll.

Das ist gänzlich neu für uns und für das ITC. Die bisherige Zusammenarbeit konzentrierte sich nämlich weder auf die Bedürfnisse der eigenen Schule, noch auf die selbstständige Entwicklung einer eigenen Technologie. Sie bestand stattdessen in der Realisierung der Schulkurse im Zusammenhang mit unserem Projekt „Micani sin humo“. Viele SchülerInnen, aber auch die LehrerInnen, haben in den letzten drei Jahren an diesen Kursen teilgenommen und uns darin unterstützt, die gesetzten Ziele zu erreichen.  Mit dem Blick auf den naheliegenden Projektabschluss, ist in den letzten Monaten daher die Idee gereift, einen neuen Kurs am ITC zu beginnen. Mit den Erfahrungen bezüglich eigener Technologieentwicklungen, die wir bereits dieses Frühjahr mit dem ITS sammeln durften, und dem Wissen, dass das ITC eine große Menge seines Potenzials auf Grund der finanziellen, technischen und räumlichen Situation nicht ausschöpfen kann, entwickelten wir in enger Zusammenarbeit mit der Schulleitung und Lehrerkollegium eben jenes Kurskonzept, das durch meinen PRA-Workshop eingeleitet wurde.

Am Ende der Erkundung an der Schule standen die Erkenntnisse, welche die drei größten Bedürfnisse der Einrichtung sein: Ventilatoren, bezahlbare Unterkünfte für SchülerInnen und den Hausmeister sowie ein Schmelzofen oder eine Mühle, für die Herstellung von günstigen Baumaterialien. In den an den Kurs angeschlossenen Konferenzen mit den Kollegen des ITC und mithilfe der intensiven Recherche und Beratung unsere Technik-Gruppe in Deutschland einigten wir uns schließlich darauf, durch den Bau einer sogenannten ISSB**-Presse dem Problem des Baumaterials – und hoffentlich auch gleichzeitig dem Problem der Unterkünfte – zu begegnen. Bei der Technologie handelt es sich um eine Presse, die aus einer günstigen Zusammenmischung aus Lehm (Erde), Zement und Sand stapelbare Ziegel erstellt. Durch den hohen Druck in der Presse wird das Brennen der Ziegel überflüssig, wodurch dann auch kein Brennstoff benötigt wird. Der Entschluss zu dieser Technologie und die weiteren Bedingungen unserer Zusammenarbeit wurden in einem Vertrag festgehalten und Ende Oktober höchst zufrieden von allen beteiligten Institutionen unterschieben.

Der Kursbeginn geht mit dem Anfang des neuen Semesters im Februar einher. Die Regenzeit wird vorbei sein und in Bolivien wird wieder eine Zeit des Schaffens und der großen Neuanfänge beginnen.

Theresa Rinnert

 

*PRA (Participatory Rapid Appraisal) meint die partizipative Entwicklung einer Projektidee unter Beteiligung der Zielgruppe.

**ISSB (Interlocking Stabilised Soil Block) sind Ziegel, die ressourcenschonend hergestellt werden. Verbreitet ist die Technologie bisher überwiegend in afrikanischen Ländern.

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