Das traditionelle Ayni-System – ein Ausdruck bolivianischer Solidarität

Das traditionelle Ayni-System – ein Ausdruck bolivianischer Solidarität

Vor dem Beginn unserer nächsten Projektphase im Mai 2020 blicken wir zurück auf ein Versprechen, mit dem wir Aktion Sodis vor fast zwei Jahren begründet haben – das Versprechen, dass es allen BewohnerInnen Micanis ein Recht sein würde, im eigenen Haushalt nicht mehr jenen schwerwiegenden gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt zu sein, die fehlende Sanitäreinrichtungen, rauchende Kochfeuer, verunreinigtes Trinkwasser und ein fehlendes Hygienebewusstsein mit sich brachten. Die Tatsache, dass wir uns mit jedem Tag der Erfüllung dieses Versprechens weiter nähern, ist für uns Anlass zur Freude und für Fragen zugleich. Wie wird aus dem versprochenen „nicht mehr“ ein „nie mehr“? Wie gelingt es uns, dieses Projekt bald in weitere Distrikte der Region zu tragen? Wie schaffen wir es, dass irgendwann erfahrene LokalexpertInnen ihre neuen MitstreiterInnen aus neuen Dörfern selbst ausbilden?

Elsa Sanchez ist langjährige Projektleiterin in der Fundación Sodis und wurde für ihre partizipativen Ansätze bereits einmal von den Vereinten Nationen mit dem „Water Best Practices Award“ ausgezeichnet. In ihrem Essay geht sie diesen Fragen nach mit der Überlegung, ein fundamentales Prinzip lokaler Kultur ab unserer nächsten Projektphase zu institutionalisieren, um ein wirkungsvolles Mentoringsystem vor Ort in Micani aufzubauen.

„In der Umsetzung [der nächsten Projektphase] wird der traditionelle Ayni-Ansatz verankert – ein Manifest partizipativer Philosophie und des Respekts vor dem Menschen und ein Instrument zum Aufbau und der Weitergabe des Wissens aller am Prozess beteiligten Personen. [Es handelt sich um einen Prozess des Herbeiführens von] Veränderungen, die sich in ihrer Wirkungen auf den Menschen auf vielfältige Weise entfalten. Schritt für Schritt werden sie umgesetzt und gefestigt, um das Wissen und das „Mindset“ zu prägen und tägliche Handlungsweisen [in der Anwendung von Hygienepraktiken] zu beeinflussen. Die Sicht auf Wandel als ein Prozess trägt auch der Notwendigkeit Rechnung, eine angemessene Projektdurchführungs- und Nachbetreuungszeit in Betracht zu ziehen, sodass sich eine angemessene Interaktion vor allem zwischen LokalexpertInnen und Familienmitgliedern entwickeln kann.

In der Aymara-Kultur Boliviens steht Ayni für eine Beziehung des gegenseitigen Gebens und Nehmens zwischen zwei Menschen, die einander helfen, da dem einen fehlt, was der andere hat. In den Ayni wird eine Arbeitsleistung oder eine Ware eingebracht, die wiederum als Gegenleistung bei einer zukünftigen Gelegenheit erwidert wird.

Ayni ähnelt der in anderen Ländern Lateinamerikas praktizierten Minga. Man versammelt sich, um ein Projekt [etwa den Bau eines Hauses, eines Weges oder einer Brücke] in Gemeinschaft durchzuführen. Beglichen wird die Schuld anschließend mit einer Feier oder einem gemeinschaftlichen Essen. Das ist ein beliebter Brauch, der seit der Antike erhalten geblieben ist. Er ist nützlich, um größere Aufgaben zu erledigen, [die das Individuum nicht alleine stemmen kann]. Die Minga wird praktiziert, weil es keine Verträge zwischen den Teilnehmern gibt: Es ist ein Organisationsprinzip, gekennzeichnet von dem dem Willen und Konsens aller Teilnehmenden zur Durchführung des Projekts; es ist die solidarische und gemeinschaftliche Arbeit zwischen den Familien.

Die Verankerung des Ayni-Prinzips in unserer Arbeit schafft eine Grundlage für den solidarischen Wissensaustausch zwischen unserem technischen Personal, erfahrenen sowie unerfahrenen LokalexpertInnen und den Familien Micanis, für Umsetzung von Maßnahmen für sauberes Trinkwasser, Hygiene, Sanitär und rauchfreies Kochen. Sie begünstigt die Verbreitung und Festigung von Wissen, ausgerichtet auf das auf das gesundheitsbewusste Verhalten des Menschen.

Dieser Ansatz fördert das lebenslange Lernen von Frauen und Männern, die teils als AnalphabetInnen aufgewachsen sind, durch zielgruppengerechte Materialien und Methoden. Dieser Ausbildungsansatz ermöglicht es, einen Prozess mit Beteiligung der Gemeinschaft zu führen und versucht, Wissen aus der Praxis aufzubauen, wobei Demokratie, Partizipation, Geschlechtergerechtigkeit, Autonomie, Achtung der Kultur, Solidarität und die Nachhaltigkeit des Prozesses als Grundprinzipien gelten.“

Ein Beitrag von Elsa Sanchez Montaño
Übersetzt und kommentiert von Christoph Netsch

Jahrestag Boliviens
Am 22. Januar feierte Bolivien den Jahrestag der Neugründung des Staates Bolivien. Seine Gründung geht eigentlich auf die Unabhängigkeitserklärung vom 6. August 1825 zurück. Doch was hat es mit der Gründung des plurinationalen Staates im Jahr 2010 auf sich?
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