Berufsschulbildung in Bolivien – Ein Vortrag von Victor Rioja

Berufsschulbildung in Bolivien – Ein Vortrag von Victor Rioja

 Nicht oft genug kommt es dazu, dass wir in Aachen Besuch von unseren Projektpartnern aus Bolivien erhalten. Victor Hugo Rioja ist Schulleiter des Instituto Tecnológico Sayarinapaj, der Berufsschule, an der wir seit fünf Jahren erfolgreich unser Projekt „Bildung bleibt“ durchführen. Vergangene Woche konnten wir ihn bei uns in Aachen begrüßen und er nahm seinen Besuch zum Anlass, uns von der Berufsschulbildung in Bolivien und ganz spezifisch an seiner Schule zu berichten:

Nachdem ein Schüler in Bolivien die Schule mit dem Abitur abgeschlossen hat, eröffnen sich ihm sechs Optionen sich weiterzubilden. Die folgenden Institutionen kommen in Frage:

  1. Öffentliche Universitäten
  2. Private Universitäten
  3. Lehrerakademie
  4. Polizeischule
  5. Militärschule

Berufsschulen (Institutos Tecnológicos)

In Bolivien ist das Ansehen der öffentlichen Universitäten am höchsten, allerdings findet nur ein Fünftel der Bewerber hier einen Platz. In der Stadt Cochabamba, wo auch das Instituto Tecnológico Sayarinapay (ITS) liegt, studieren 120.000 Studierende an den öffentlichen Hochschulen. Auch die privaten Hochschulen genießen einen guten Ruf, doch sind sie aufgrund der hohen Studienkosten nur für eine gewisse Bevölkerungsschicht zugänglich. Wie bei den Universitäten führt die begrenzte Anzahl an Studienplätzen auch bei den Lehrer-, Polizei und Militärschulen zu harten Auswahlkriterien für die Studierenden. Die Berufsschule ist für die Schüler, die in diesem System keine Berücksichtigung finden, eine Chance auf berufliche Weiterbildung.

Das ITS setzt sich aktiv für die soziale und kulturelle Anerkennung dieser sechsten Schulform ein, damit die Ausbildung der Schüler an Ansehen gewinnt und sich ihnen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnen. Besonders im Fokus stehen am ITS gesellschaftlich benachteiligte Schüler, die aus armen Verhältnissen stammen und so nur schwer Zugang zur höheren Bildung finden, die aufgrund von Migration vor Herausforderungen gestellt werden oder familiären Problemen wie häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Die Schule hat dabei das konkrete Ziel, den Schülern nach dem Abschluss einen direkten Einstieg in die Arbeitswelt zu ermöglichen und so ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Ein umfassendes Angebot für individuelle Bedürfnisse

650 Schüler zählt das ITS derzeit, berichtet uns Victor Rioja stolz. Sie werden dort als Elektroniker, Mechaniker, Erzieher, Sozialarbeiter, Landwirte oder Gastronomen ausgebildet. Die Abbrecherquote in der Educación Superior (siehe oben: Institutionen 1 bis 5) liegt bei 90%, nur 10% schaffen den Abschluss (und nur 3% mit Titulierung durch eine Abschlussarbeit). Diesem Problem begegnet das ITS durch ein umfassendes Unterstützungsangebot:

  1. Psychologische Beratung
  2. Sozialarbeit (Stipendien)
  3. Kinderbetreuung zur Unterstützung studierender Mütter
  4. Arbeitsvermittlung
  5. Schülerunterkünfte für 58 Personen

Neben finanzschwachen Schülern können durch diese Maßnahmen auch junge Frauen unterstützt werden, die andernfalls aufgrund von frühen (z.T. ungewollten) Schwangerschaften kaum eine Chance hätten, ihre Ausbildung zu beenden. Außerdem wird Studierenden aus abgelegenen Orten eine Weiterbildung ermöglicht und so dem Stadt-Land-Gefälle entgegengewirkt.

Neue Ideen für den Berufseinstieg

Eine neue Förderungsmöglichkeit schwebt Victor Rioja vor, um seinen Schülern den Berufseinstieg zu erleichtern: Er möchte ein System von Mikrokrediten auf die Beine stellen, dass es den Schülern ermöglicht, ihre unternehmerischen Ideen umzusetzen. Oft scheitern ihre Bestrebungen zur Selbstständigkeit nach dem Berufsschulabschluss an dem komplexen Kreditsystem Boliviens, bei dem das Startkapital an Anforderungen geknüpft ist, die für die Schulabgänger oft unüberwindbare Hürden darstellen.

Das angestrebte Mikrokreditsystem der Berufsschule geht einher mit der Förderung von Arbeitskompetenzen und Unternehmertum im Rahmen der Lehre. Eine kleine Unternehmensmesse findet bereits jährlich am ITS statt: Dort präsentieren die BerufsschülerInnen ihre Projekte und nehmen damit an einem Wettbewerb teil, bei dem die beste Idee mit einem kleinen Startkapital für ihr Unternehmen ausgezeichnet wird.

Im Anschluss an den Vortrag kommt eine Frage aus dem Publikum: „Worin besteht die Vorbildfunktion des Instituto Tecnológico Sayarinapaj? Was sollen andere Berufsschulen von Ihrem Beispiel lernen?“ Da muss der Schulleiter nicht lange nachdenken: Die Stärke der Ausbildung am ITS ist der Fokus der Lehre auf den Schüler. Gerne würde er den Namen jedes einzelnen Schülers am ITS kennen, offenbart uns Victor Rioja. Er wünscht sich, dass individuell auf jeden Schüler und dessen Bedürfnisse eingegangen werden kann, um so Unterstützung genau dort anzubieten, wo sie gebraucht wird. Ein wichtiges Ziel sei, dass die Schüler am Ball blieben und ihre Studien abschlössen, um nahtlos Arbeit zu finden und so eine gute Lebensgrundlage zu haben.

Das traditionelle Ayni-System
In der nächsten Projektphase wird der traditionelle Ayni-Ansatz verankert – eine partizipative Philosophie zum Aufbau und zur Weitergabe von Wissen: Gemeinschaftlich wird ein Projekt durchgeführt und im Anschluss werden die Helfer zu einer Feier oder einem Essen eingeladen.
Helfen Sie mit!
Unser ganzheitlicher Ansatz hat zum Ziel, gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung einen langfristigen Wandel anzustoßen, der nachhaltend eine Vielzahl an Lebensbereichen betrifft. Unterstützen Sie unsere Entwicklungsarbeit mit Ihrer Spende und begleiten Sie alle Projektbeteiligten auf ihrem Weg!

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