Covid-19 erreicht Bolivien – Ein aktueller Erfahrungsbericht

Covid-19 erreicht Bolivien – Ein aktueller Erfahrungsbericht

Linda Keil ist derzeit als Praktikantin bei der Fundación Sodis vor Ort in Bolivien. Ausgereist ist die 24-jährige Biotechnologie-Studentin aus Spenge mit dem Ziel, Gesundheitsstudien mit den Grundschülern in Micani durchzuführen. In den vergangenen Jahren wurden einige Schulgärten an den Grundschulen im Distrikt errichtet, die dem Ziel dienen, die Ernährung der Grundschüler ausgewogener, vitamin- und nährstoffreicher zu gestalten. Linda berichtet uns, wie sie den Ausbruch der Corona-Pandemie in Bolivien erlebt:

Hallo liebes Team und alle FreundInnen von Aktion Sodis,

ich melde mich aus Bolivien, um Euch ein kleines Update über die Lage in Bolivien und in Micani zu geben. Das Corona Virus hat auch vor Bolivien nicht Halt gemacht. Vor ca. anderthalb Wochen gab es die ersten Fälle und ziemlich schnell stieg die Zahl auf 8 Personen. Die meisten Infizierten befanden sich in Oruro, einige aber auch in Santa Cruz. Daraufhin wurde die Stadt Oruro direkt abgesperrt und isoliert. Die Zahl der infizierten Menschen erhöhte sich recht bald auf 12 Personen. Lange stagnierte die Zahl der Infizierten, bis vor zwei Tagen weitere Fälle identifiziert wurden und bis heute 19 Fälle bekannt sind.

Unmittelbar nach den ersten Fällen gab die Regierung Schulschließung bis zum 31.03 bekannt. Bald folgten die Schließung von Bars und Kinos und weitreichende Einschränkungen im Freizeitangebot. Mit diesen Entscheidungen war Bolivien sogar schneller als Deutschland, obwohl es zu dieser Zeit schon einige tausend Fälle in Deutschland gab.

Montag (16.03.2020) war der Tag, an dem ich mich entschieden habe, in Bolivien zu bleiben. Einige Freiwillige hier in Cochabamba haben sich in diesen Tagen dazu entschieden, das Land zu verlassen und Flüge nach Deutschland zu buchen. Die folgenden Tage waren sehr chaotisch: Nachdem am Dienstag bekannt wurde, dass es nur noch für 72 Stunden internationale Flüge geben würde, war es fast unmöglich passende Flüge zu finden geschweige denn zu buchen. Viele Flugverbindungen führten über Länder, in die man als EU-Bürger nicht mehr einreisen durfte. Selbst Reisende, die einen Flug über Sao Paulo gebucht hatten, traten diesen nicht an, um nicht in Sao Paulo zu stranden.

Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Bolivien

Die Zahl der Infizierten hat sich in den letzten Tagen auf 19 erhöht. Auch wenn diese Zahl im Vergleich zu China, Deutschland oder Italien noch sehr gering ist, gibt es mittlerweile sehr viele Einschränkungen. Gearbeitet wird nur noch bis 13:00 Uhr, Supermärkte öffnen bis 15:00 Uhr und öffentliche Verkehrsmittel fahren bis 16:00 Uhr. Von 17:00 bis 5:00 Uhr darf sich niemand mehr auf den Straßen aufhalten. Heute Mittag (21.03.2020) wurde bekannt gegeben, dass ab morgen das ganze Land für 14 Tage unter Quarantäne steht. Apotheken und Krankenhäuser stehen weiterhin uneingeschränkt zur Verfügung. Supermärkte bleiben bis mittags geöffnet und pro Familie darf eine Person einkaufen gehen.

An sich geht es mir hier also genau so wie euch zu Hause in Deutschland. Nur kommt bei mir noch die Sorge hinzu, hier in den nächsten Monaten fest zu sitzen. Wenn man die Bolivianer fragt, ob ich lieber bleiben oder heimfahren sollte, antworten alle mit einem eindeutigen: „Hier ist es momentan sicherer, da es weniger Fälle gibt. Ich würde hierbleiben.“ Theoretisch stimmt das auch. Momentan gibt es in Bolivien noch weniger Fälle. Die Frage ist nur, ob das Virus erfolgreich eingedämmt werden kann oder ob Bolivien das Gleiche wie China, Deutschland oder gar Italien bevorsteht. Immerhin nimmt die Bevölkerung die Situation sehr ernst und es wurden z.B. alle Busse und Trufis (Minibusse) desinfiziert.

Eine große Herausforderung für das bolivianische Gesundheitssystem

Bolivien hat gesehen, welche Auswirkungen das Virus sogar in gut entwickelten Ländern haben kann und ist bemüht, vorzubeugen. Da Bolivien ein sehr armes Land ist und das Gesundheitssystem deutlich weniger ausgebaut ist als das deutsche, ist es richtig, so früh konsequente Maßnahmen zu ergreifen. Ob sie helfen, werden wir in einigen Tagen oder auch Wochen sehen.

Ich wünsche mir, dass es dem bolivianischen Gesundheitssystem gelingt, dass erfolgreich mit der Pandemie umzugehen, befürchte aber, dass das Gesundheitssystem im ländlichen San Pedro de Buena Vista vor einem großen Problem stehen wird, falls sich das Virus bis dorthin ausbreitet. Für ca. 30.000 Menschen in San Pedro de Buena Vista gibt es nur ein Krankenhaus, welches begrenzte Kapazitäten hat und für manche viel zu weit entfernt ist, um dort Hilfe zu bekommen.

Um die Ausbreitung des Virus dort und vor allem in Micani zu verhindern, helfen die Fundacion Sodis und Aktion Sodis dabei, Seifen zu verteilen und den Menschen vor Ort die Bedeutung von Hygienemaßnahmen wie Händewaschen nahezulegen und sie in der Praxis zu schulen. Dies hört sich für uns selbstverständlich an, doch ist es für die Menschen im Kanton Micani, die lange Zeit nicht mal Zugang zu Trinkwasser hatten, nun sehr wichtig, das Händewaschen zum festen Bestandteil des Alltags wird.

Die Menschen in Micani haben auf Grund ihrer wenig abwechslungsreichen und vitaminarmen Ernährung, ein geschwächtes Immunsystem. Falls das Virus in San Pedro ankommen sollte, wird das Gesundheitssystem vor Ort schnell an seine Grenzen stoßen. Deshalb lasst und zusammen versuchen, die Menschen in San Pedro zu unterstützen. Vor Ort werden wir uns weiter darum bemühen, die Hygiene zu verbessern und die Menschen aufzuklären. Natürlich versuchen wir auch, die Experten vor Ort mit einzubeziehen und sie bezügliche Hygiene und Händewaschen weiter auszubilden. Dennoch brauchen die Menschen vor Ort weiterhin unsere Unterstützung, um der Pandemie in San Pedro keine Chance zu lassen.

Linda Keil

Das traditionelle Ayni-System
In der nächsten Projektphase wird der traditionelle Ayni-Ansatz verankert – eine partizipative Philosophie zum Aufbau und zur Weitergabe von Wissen: Gemeinschaftlich wird ein Projekt durchgeführt und im Anschluss werden die Helfer zu einer Feier oder einem Essen eingeladen.
Helfen Sie mit!
Unser ganzheitlicher Ansatz hat zum Ziel, gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung einen langfristigen Wandel anzustoßen, der nachhaltend eine Vielzahl an Lebensbereichen betrifft. Unterstützen Sie unsere Entwicklungsarbeit mit Ihrer Spende und begleiten Sie alle Projektbeteiligten auf ihrem Weg!

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