Ein Jahr der Herausforderungen – Projekt zur Ernährungssicherheit an Dorfschulen auf dem Prüfstand

Ein Jahr der Herausforderungen – Projekt zur Ernährungssicherheit auf dem Prüfstand

Ein Bericht von Leonie Ziller und Chantal Bußmann

Januar 2020, irgendwo in Aachen und in Cochabamba, optimistisch und motiviert starteten wir gemeinsam in die Jahresplanung: 12 ausstehende Dorfschulen im Distrikt Micani sollen mit Gemüsegärten ausgestattet werden, um der Mangelernährung der Kinder in Micani entgegenzuwirken. Pläne wurden geschmiedet, Vorbereitungen getroffen und die ersten Aufgaben anvisiert, doch dann kam alles anders als gedacht. Wie die Projektarbeit in diesem „Jahr der Herausforderungen“ aussah, zeigt ein Jahresrückblick zum Thema Ernährungssicherheit an Dorfschulen.

Beginnend mit der Überprüfung der in den Schulen durchgeführten Vordiagnose wurden vorhandene Wasserquellen, Flächenverfügbarkeit, Bodenqualität und makroklimatische Einflüsse begutachtet sowie die Konzepte der Mikrobewässerungsanlage verfeinert und die Materialliste finalisiert. Dabei wurde festgestellt, dass 6 der insgesamt 16 Dorfschulen sich in sehr hohen Gebieten befinden und Gewächshäuser, sogenannte „Carpas Solares“ (Solar Zelte), benötigen, um die Ernte vor dem Frost zu schützen und somit den Anbau von Gemüse zu ermöglichen. Hier musste die Finanzierung sowie die technischen Konzepte für den Bau der Solarzelte geschaffen werden.

Danach stand dem Bau der Mikrobewässerungssysteme in den Schulgärten vermeintlich nichts mehr im Wege. Zum Ende der Regenzeit und sobald die Straßen wieder befahrbar wären, sollte der Materialkauf und der Transport in die Dörfer stattfinden. Doch dann kam alles anders: Plötzlich befanden wir uns im Angesicht der Covid-19 Pandemie. In Bolivien wurden schnell strikte Maßnahmen zum Infektionsschutz ergriffen, denn die dramatische Situation in den europäischen Ländern gab Anlass zum Handeln. Im Gegensatz zu Deutschland ist das bolivianische Gesundheitssystem schlecht aufgestellt und besonders auf dem Land waren die vorhandenen Strukturen nicht für eine Pandemie gewappnet: Die Wege zu den Krankenstationen sind lang und die Möglichkeiten der Versorgung dort eingeschränkt. Hinzu kommt, dass die Landbevölkerung ohnehin unter prekären gesundheitlichen Bedingungen lebt. Mangelernährung oder Lungenerkrankungen, beispielsweise durch jahrelanges Kochen über offenem Feuer, können den Verlauf einer Covid-19 Erkrankung erschweren. Zum Schutz riegelte die Regierung die Wege in die ländlichen Gemeinden schnell ab und der Schulunterricht wurde umgehend eingestellt.

Entwicklungszusammenarbeit im Angesicht einer globalen Pandemie

An einen Bau der Bewässerungsanlagen war nun nicht mehr zu denken und die Schulschließungen verhinderten die Durchführung von Workshops mit SchülerInnen und LehrerInnen. Auch die Schulungen mit LokalexpertInnen und Mitarbeiterndes Sozialunternehmens CAMCEC waren durch Abstands- und Hygieneregeln erschwert, konnten aber vereinzelt stattfinden. Möglich war dies nur, da glücklicherweise Teile des Teams der Fundación SODIS, einschließlich der Agronomin Liliana Murillo, zu dieser Zeit auf dem Land verweilten und einige projektspezifische Aufgaben weiterführen konnten.

Im Mai begann eine Lockerung der Maßnahmen in Bolivien, die sogenannte „dynamische Quarantäne“, die wieder mehr Betrieb ermöglichte. Die Schulen aber blieben geschlossen. Durch den fehlenden Schulalltag lag die Pflege und Instandhaltung der Gärten im Ungewissen. Die Fundación SODIS suchte nach alternativen Lösungen und fand Unterstützung bei der Lokalregierung. Der Bezirksdirektor für Bildung sprach sich für das Projekt aus und gemeinsam wurden Verantwortliche ernannt, die sich solange um die Gärten kümmerten, bis wieder Normalität einkehrte.

Ab September konnte die Arbeit wieder bedingt weitergehen, das Material gekauft und nach Micani transportiert werden. Veranstaltet wurde nun eine zeremonielle Übergabe des Materials an die einzelnen Gemeinden. Diesem einfachen, aber sehr bedeutsamen Akt wohnten alle Beteiligten bei: der Bürgermeister, die Mitglieder des Gemeinderates, der Bezirksdirektor für Bildung, der Direktor des Schulbezirks, das Komitee der LokalexpertInnen, die einzelnen Gemeindevorsteher, die ElternvertreterInnen und das gesamte Team der Fundación SODIS.

Hoffnungsvoller Ausblick in ein neues Jahr

Zeitgleich fanden im Oktober die Neuwahlen in Bolivien statt. Unruhen, Straßenblockaden und Demonstrationen schienen sich schon im Vorfeld abzuzeichnen. Erfahrungsgemäß sind die Auswirkungen auf dem Land allerdings weniger drastisch und so wurde die Projektarbeit kaum beeinflusst. In einigen Dörfern fehlten nötige Strukturen, um die Schulgärten mit Bewässerungsanlagen final zu installieren, in anderen bemühte sich die gesamte Gemeinde darum, kurzfristige Lösungen zu finden: In Cabrini wurde innerhalb von Stunden ein Zaun aus dem Boden gestampft, um die Anlage vor Tieren zu schützen. In diesen Dörfern konnte dann direkt die Aussaat stattfinden. Im März 2021 können nun im wahrsten Sinne des Wortes die ersten Früchte des Projekts geerntet werden. Die letzten fehlenden Anlagen sollen mit Beginn des Schulbetriebs nach der Regenzeit installiert werden.

Für das kommende Jahr wünschen wir uns, dass die Arbeit an den Schulen mit den SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern stattfinden kann. Das Schulungsprogramm zum Betrieb des Gartens, zu nachhaltiger Landwirtschaft und gesunder Ernährung ist ein wichtiger Schritt für den Erfolg des Projektes. Wir haben im Jahr 2020 immer wieder dynamische Antworten auf die jeweilige Situation finden müssen, denn die Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung hat Priorität. Das Jahr hat uns dennoch eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig ein stabiles und resilientes Ernährungssystem in diesen Zeiten ist. Ob Covid-19 oder klimatische Auswirkungen: Eine Stärkung der Kleinbauerfamilien, eine gesunde Lebensmittelvielfalt und eine nachhaltige Perspektive für die lokale Landwirtschaft sind essenziell.

Ernährungsunsicherheit in Pandemiezeiten
„Coronavirus seems to feed voraciously on vulnerabilities.” Besonders die Schwächsten sind von den Folgen betroffen, denn die Corona-Pandemie droht zur Pandemie des Hungers zu werden. Die Stärkung lokaler Landwirte kann Baustein eines inklusiveren Ernährungssystem sein.
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