Starke Frauen, starkes Micani

Starke Frauen, starkes Micani

Testphase: Juli 2019 - Dezember 2021

Projektvolumen:  ca. 55.117 EUR

Partner: Fundación Sodis, SOCODEVI, Gobierno Autonomo Municipal de San Pedro de Buenavista, Alternaid Stiftung

Systematische Diskriminierung von Frauen

Es ist nicht lange her, dass sie sich als Schulköchin der Grundschule Micani täglich dem gesundheitsschädlichen Rauch der offenen Kochfeuer aussetzte, um Mahlzeiten für die Schüler zuzubereiten. Heute hat sie einen Sitz im Gemeinderat von Micani und kann sich so dafür einsetzen, dass alle Familien in ihrem Distrikt an rauchfreien Kochstellen kochen. Zurückhaltend ist die Mutter vierer Kinder nicht, wenn es darum geht, zu Themen des gesellschaftlichen Zusammenlebens Stellung zu beziehen. Ihr persönliches Ziel ist es, den Familien Micanis zu würdevolleren Lebensbedingungen zu verhelfen, und so sieht sie es als Selbstverständlichkeit, Hand mit anzulegen: Als für ihr Heimatdorf Micani zuständige Lokalexpertin betreut sie den Bau rauchfreier Kochstellen und Trenntoiletten.

Leider begegnet man nur wenigen Frauen wie Ofelia, die es schaffen, im stark patriarchalisch geprägten Micani ihr gesellschaftliches Umfeld in solch hohem Maße mitzugestalten. Generell muss zum aktuellen Zeitpunkt gesagt werden, dass Frauen in der lokalen Gesellschaft systematisch diskriminiert werden. So besagt die Studie „Brechas de Genero“ [Helvetas Swiss Intercooperation, 2014] zur gesellschaftlichen Teilhabe der Frau, dass in der Region nur 2% aller Entscheidungen von Frauen mitgetroffen werden. Diese extreme Ungleichheit kann mit verschiedenen Faktoren in Verbindung gebracht werden.

Frauen in San Pedro de Buenavista

14.638 Frauen leben in San Pedro de Buenavista, jener Region zu der auch Micani zugehörig ist. Die Beteiligung von Frauen auf Gemeinde- und Gewerkschaftsebene sei weder aktiv noch effektiv, meint Nora Fernández, einer bolivianischen Expertin im Feld der Gleichberechtigung und Stärkung von Organisationsstrukturen, da sie nur als Zuhörerinnen oder als Köchinnen und nicht an den Entscheidungen der Gemeinde teilnähmen. Das liege besonders am weit verbreiteten Analphabetismus, der Verantwortung für Kinder und Tiere, an fehlenden Führungs- und Durchsetzungsfähigkeiten, sowie an der allgemeinen Unkenntnis eigener Rechte.

Analphabetismus und fehlende Bildung

Während die Männer aufgrund ihrer häufigen Migration in der Regel bilingual (Spanisch und Quechua) sind, sprechen die meisten Frauen ausschließlich Quechua – obwohl die Amtssprache Spanisch ist.
Nur 30% der Frauen besuchen eine weiterführende Schule [EMSA, 2019] und sind daher häufiger von Analphabetismus betroffen. Die geringe Bildung und Aufklärung werden damit in Verbindung gebracht, dass die Geburtenrate der Region mit im Schnitt 7 Kindern deutlich über der nationalen Rate von 4 Kindern pro Frau liegt.

Einkünfte

Die Verdienste gelten in den Familien in der Regel nicht als gemeinsam erwirtschaftet: Dadurch, dass es meist die Männer sind, die wirtschaftlichen Tätigkeiten nachgehen, sind sie in den Familien oft die alleinigen Geldverwalter und haben daher mehr Gestaltungsspielraum, Handlungs- und Entscheidungsfreiheit.

Gewalt

Zu dieser grundlegenden Diskriminierung kommt erschwerend hinzu, dass Frauen häufig Opfer sexueller, physischer und psychischer Gewalt werden. Nach Zahlen des CIDEM (Centro de Informacion y Desarrollo de la Mujer) sind 70% der Frauen davon betroffen und machen damit die größte Zahl aller lateinamerikanischen Länder aus.

Potenziale nutzen

Wir sind überzeugt, dass wir erst dann das volle Potenzial der EinwohnerInnen Micanis ausschöpfen können, wenn alle – Männer und Frauen – an einem Strang ziehen. Um das volle Potential der EinwohnerInnen Micanis auszuschöpfen und den Distrikt weiterzuentwickeln, müssen alle – Männer und Frauen – an einem Strang ziehen. Aus dieser Überzeugung heraus planen wir, ab Juli 2019 ein intensives Schulungsangebot zu schaffen, welches allen Mitgliedern der Gesellschaft, insbesondere den Frauen, zugänglich gemacht wird. Um das Programm dem Alltag der Frauen anzupassen, verzichten wir weitestgehend auf zentrale Schulungen, die einer längeren Anreise zum Hauptort des Distrikts bedürfen. Stattdessen finden Schulungen überwiegend dezentral direkt in den Dörfern mit den Familien statt.

Die Schulungsinhalte und daraus resultierenden Betätigungsfelder haben nicht nur einen technischen Fokus. Diversifiziert sprechen die Themen einen großen Teil der Bevölkerung an. Außerdem sollen einige Schulungen speziell auf die Bedürfnisse, Interessen und das Rollenselbstverständnis einiger Frauen angepasst werden, wobei alle Angebote grundsätzlich allen Mitgliedern der Dorfgemeinschaft freigestellt werden, und auch ein intergeschlechtliches Team explizit gefördert wird. Dies erhöht umso mehr die Produktivität und Effizienz und schafft schlussendlich einen gemeinschaftlichen Diskurs auf Augenhöhe. Neben Gesundheits- und Ernährungsschulungen stellen i.B. auch Einkommen generierende Maßnahmen wesentliche Projektinhalte dar. Bei Letzterem handelt es sich um:

Schulungen im Kleinunternehmertum für Familien: Diese Schulungen beinhalten neben theoretischen und praktischen Themen zu unternehmerischer (also administrative, logistische und handwerkliche) Tätigkeiten, auch eine Beratung und konkrete Hilfestellung bei jedweder Art von unternehmerischer Bestrebung der ExpertInnen. Sie sollen darin bestärkt werden, ihre Ideen in ein gewinnbringendes, sozial-faires Unternehmen zu verwandeln.

Schulungen von Familien im Anbau des Tara-Baums und der Weiterverarbeitung von dessen Samen: Bei dem Tara-Baum handelt es sich um eine heimische, für das trockene Klima geeignete Pflanze, welche Stoffe für die Verarbeitung von hochwertigem Leder und Nahrungsergänzungsmittel liefert. Im Rahmen einer qualitativen Evaluierung verschiedener Verdienstmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung (Anbau diverser landwirtschaftlicher Produkte, Produktion von handwerklichen Produkten wie Textilwaren) wurde die Tara-Produktion, angesichts der geographischen und klimatischen Rahmenbedingungen, als die vielversprechendste Option identifiziert. Ein erfolgversprechendes Modellprojekt mit ca. 1.000 Familien wird in der benachbarten Region Chuquisaca unter ähnlichen Rahmenbedingungen von der NGO SOCODEVI durchgeführt. Die Schulungen und die Schaffung eines Marktzugangs finden in Zusammenarbeit mit der in diesem Bereich einschlägig erfolgreichen Organisation statt.

Gründungshilfe für kleine Familienunternehmungen und Dorfkooperativen: In Kooperation mit der Lokalregierung ermöglichen wir jeder Familie, die sich zum Beitritt in die Dorfkooperativen entscheidet, eine Subventionierung der Tara-Setzlinge mit umgerechnet 0,35€. Hierdurch zahlt die Familie für jeden Tara-Setzling, umgerechnet 0,13€, welcher direkt zum Aufbau der Dorfkooperativen genutzt wird. Für nähere Informationen siehe das Factsheet Tara Produktion.

Eine intensive Zusammenarbeit mit allen BewohnerInnen Micanis kann nur sichergestellt werden, indem das Team aus Spezialisten im Feld auch durch eine weibliche Kraft verstärkt wird. Hierdurch wird durch das Betreuerteam die erwünschte geschlechterübergreifende Zusammenarbeit vorgelebt und die Möglichkeit geschaffen, gezielt auf die Bedürfnisse (insbesondere weiblicher) LokalexpertInnen einzugehen.

5 Tara Setzlinge
20 Tara Setzlinge